Wenn man sich den unteren Rand des Fotos ansieht, erkennt man, was in 90 Prozent der Futterhäuschen liegt: eine schwarze Masse aus fettigen Sonnenblumenkernen. Vögel fressen diese als Erstes auf. Es ist fettig, es ist leicht zu fressen und sie lieben es. Aber genau da liegt das Problem.
Eine einseitige, fettreiche Ernährung ist der schnellste Weg zu einem kranken und frustrierten Vogel. Oben auf dem Foto siehst du, was ein Papagei tatsächlich braucht: eine abwechslungsreiche Mischung aus fettarmen Körnern, getrocknetem Gemüse und viel Abwechslung.
Das Wohnzimmer-Dilemma: Zu viele Kalorien, zu wenig zu tun
In freier Wildbahn fliegt ein Papagei täglich mehrere Dutzend Kilometer. Er verbringt 60 bis 80 Prozent seiner Zeit damit, nach Nahrung zu suchen, sie zu zerkleinern und zu schälen. Dabei verbrennt er diese Kalorien mühelos.
In einem Wohnzimmer wird ihm dieselbe Menge Fett auf dem Silbertablett serviert. Er braucht zwei Minuten, um sich den Bauch vollzuschlagen. Den Rest des Tages sitzt er still da, aber diese riesige Energiemenge steckt tatsächlich in seinem Körper. Die muss irgendwohin.
4 Verhaltensprobleme, die im Fressnapf ihren Ursprung haben
Aggression und Beißen: Schnell verfügbare Fette und Kalorien lassen den Hormonspiegel in die Höhe schnellen. Ihr Vogel gerät in einen permanenten Kampfmodus. Da er diese Energie nicht durch Fliegen abbauen kann, schlägt sich die Anspannung in territorialem Verhalten und unvorhersehbaren Ausbrüchen nieder.
Schreien und Zerstören: Innerhalb von fünf Minuten ist der Futterbehälter leer, doch der Drang nach Futter hört nicht auf. Ohne geistige Anregung entsteht extreme Langeweile. Der Vogel sucht nach einem Ventil und findet es im übermäßigen Kreischen oder im Zerkauen Ihrer Möbel.
Picken: Fettreiche Samen enthalten kaum Vitamin A und Kalzium. Dies führt zu trockener, juckender Haut und einer schlechten Federqualität. Kombiniert man diesen körperlichen Juckreiz mit hormonellem Stress, beginnt der Vogel, an seinen eigenen Federn zu zupfen.
Stimmungsschwankungen: Genau wie ein Kind, das sich von Zucker ernährt, erlebt ein Papagei, der Sonnenblumenkerne frisst, starke Energieschwankungen. In einem Moment ist er hyperaktiv und laut, im nächsten apathisch oder reizbar.
Was passiert eigentlich, wenn ein Papagei wählerisch frisst?
Das Problem bei einer Saatgutmischung liegt nicht nur darin, was sich im Futtertrog befindet. Es geht vor allem darum, was der Papagei letztendlich tatsächlich zu sich nimmt.
Ein Futtertrog kann theoretisch eine enorme Vielfalt an Zutaten enthalten. Wenn der Vogel jedoch systematisch die energiereichsten und schmackhaftesten Bestandteile herauspickt, verwandelt sich diese theoretisch abwechslungsreiche Ernährung in der Praxis in eine sehr einseitige Ernährung.
Das nennen wir wählerisches Essverhalten.
Ein Papagei stellt dabei keine ernährungsphysiologischen Berechnungen an. Er denkt nicht: Heute habe ich genug Fett zu mir genommen, also nehme ich jetzt etwas Ballaststoffe und Kalzium zu mir. Seine Nahrungsauswahl wird von Geschmack, Konsistenz, Energiebedarf, Gewohnheiten und erlerntem Verhalten bestimmt. Und genau hier liegt das Problem.
Warum entscheidet sich ein Papagei zuerst für Sonnenblumenkerne?
Sonnenblumenkerne sind für viele Papageien besonders attraktiv. Sie enthalten relativ viel Fett und liefern daher viel Energie bei geringem Volumen. Außerdem sind sie leicht zu erkennen, schmackhaft und einfach zu schälen.
Aus evolutionärer Sicht ist es logisch, dass ein Vogel energiereiche Nahrung attraktiv findet. In einer natürlichen Umgebung ist die Verfügbarkeit von Nahrung nicht garantiert. Ein Nahrungsmittel, das relativ viel Energie liefert, kann dort besonders wertvoll sein.
In einem Wohnzimmer ändert sich diese Situation völlig.
Der Vogel muss nicht mehr Dutzende Meter fliegen, um Nahrung zu finden. Er muss nicht stundenlang nach geeigneten Samen suchen. Er muss kaum noch mit anderen Vögeln konkurrieren und muss seine Nahrung oft nicht einmal mehr verarbeiten.
Die Energiequelle steht ständig zur Verfügung.
Dadurch kann ein Mechanismus, der in der Natur nützlich ist, in Gefangenschaft gerade gegen ihn wirken.
Der Fressnapf kann zu einem Auswahlproblem werden
Angenommen, eine Mischung enthält zehn verschiedene Zutaten.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Vogel auch zehn verschiedene Zutaten frisst.
Wenn er jeden Tag zuerst die Sonnenblumenkerne, Erdnüsse oder andere energiereiche Bestandteile herausnimmt und den Rest liegen lässt, entsteht im Laufe der Zeit eine immer größere ernährungsphysiologische Abweichung zwischen der Zusammensetzung der Mischung und der Zusammensetzung der Nahrung, die er tatsächlich zu sich nimmt.
Der Besitzer sieht einen abwechslungsreichen Futternapf.
In Wirklichkeit frisst der Vogel eine Auswahl.
Dieser Unterschied ist entscheidend.
Deshalb reicht es nicht aus, nur auf das Etikett eines Futtermittels zu achten. Man muss auch das Fressverhalten des Vogels beobachten .
Fett ist nicht das Problem. Ein Energieüberschuss hingegen schon.
Hier müssen wir eine wichtige Unterscheidung treffen.
Fett ist kein schlechter Nährstoff.
Ein Papagei benötigt Fettsäuren unter anderem für die Energieversorgung, die Zellmembranen und verschiedene physiologische Prozesse. Das Problem entsteht, wenn ein Vogel dauerhaft mehr Energie zu sich nimmt, als er verbraucht, und wenn diese Energie aus einer sehr begrenzten Anzahl von Nahrungsmitteln stammt.
Eine Ernährung mit vielen energiereichen Samen kann daher problematisch werden, insbesondere bei Vögeln, die sich wenig bewegen.
Es geht also nicht um die einfache Botschaft:
„Sonnenblumenkerne sind ungesund.“
Die bessere Botschaft lautet:
„Ein Papagei benötigt eine abwechslungsreiche Ernährung und eine ausgewogene Energiebilanz. Wenn er regelmäßig nur die energiereichsten Bestandteile einer Mischung auswählt, kann dieses Gleichgewicht gestört werden.“
Und dann kommt das zweite Problem: Zeit
Futter hat für einen Papagei nicht nur eine ernährungsphysiologische Funktion.
Essen ist auch eine Verhaltensweise.
Ein wild lebender Papagei verbringt einen Großteil seines aktiven Tages damit, Nahrung zu finden, auszuwählen, zu bearbeiten, zu öffnen und zu verarbeiten. Das bedeutet: suchen, klettern, kraxeln, fliegen, untersuchen, festhalten, schälen, zerreißen und es erneut versuchen.
In einem Wohnzimmer lässt sich dieser gesamte Vorgang auf einen einzigen Schritt reduzieren:
Der Vogel läuft zu seinem Futterteller und frisst.
Damit verschwindet nicht nur die Bewegung.
Außerdem geht ein großer Teil der täglichen kognitiven Herausforderungen verloren.
Ein voller Fressnapf ist daher nicht dasselbe wie Ausgestaltung
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, dass eine große Menge an Essen automatisch für ausreichend Bewegung sorgt.
Es kann auch das Gegenteil passieren.
Wenn das attraktivste Futter ganz oben liegt und sofort verfügbar ist, wird die Belohnung geradezu extrem leicht erreichbar.
Der Vogel muss nichts untersuchen.
Er muss nichts öffnen.
Er muss nichts suchen.
Er muss sich kaum anstrengen.
Aus der Perspektive des natürlichen Verhaltens ist das eine besonders karge Nahrungsumgebung.
Deshalb ist die Nahrungssuche so wichtig.
Futtersuche bedeutet nicht, dass man einen Vogel einfach länger auf sein Futter warten lässt. Es bedeutet, dass man Möglichkeiten schafft, bei denen der Vogel sein natürliches Futtersuchverhalten ausleben kann.
Warum das Futtersuchen mehr ist als nur ein Spielzeug
Ein Futterspielzeug wird manchmal als nette zusätzliche Beschäftigung angesehen.
Das wird dem Ganzen eigentlich nicht gerecht.
Ein gutes Futtersuchelement gibt dem Vogel eine Aufgabe mit einem Ziel.
Es gibt etwas zu entdecken.
Da gibt es etwas zu untersuchen.
Es muss etwas geöffnet werden.
Es muss etwas verschoben werden.
Es muss eine Entscheidung getroffen werden.
Und schließlich gibt es eine Belohnung.
Letzteres ist wichtig.
Futter wirkt als natürlicher Verstärker. Wenn ein Vogel sich Mühe gibt und anschließend Futter findet, erhält das Verhalten eine Bedeutung.
Auf diese Weise entsteht ein viel natürlicheres Fressverhalten als wenn die gesamte Tagesration ohne jegliche Herausforderung in einem einzigen Napf angeboten wird.
Aber kann das Futtersuchen eine falsche Ernährung ausgleichen?
Nein.
Auch diese Unterscheidung ist wichtig.
Man kann ungesundes Futter nicht gesund machen, indem man es einfach in ein Futterspielzeug steckt.
Ein Papagei, der aus einer Mischung ausschließlich die energiereichen Bestandteile herauspickt, kann dieses Selektionsverhalten auch beim Futtersuchen weiterhin zeigen.
Deshalb müssen zwei Aspekte gemeinsam betrachtet werden:
Was frisst der Vogel? Und wie kommt der Vogel an seine Nahrung?
Eine gute Papageiennahrung berücksichtigt beides.
Die Zusammensetzung des Futters muss auf die Art, das Alter, die Aktivität und die individuelle Situation des Vogels abgestimmt sein. Gleichzeitig muss die Art und Weise, wie das Futter angeboten wird, ausreichend Möglichkeiten für natürliches Such-, Manipulations- und Verarbeitungsverhalten bieten.
Der ideale Fressnapf ist daher nicht unbedingt der, der am vollsten ist
Bei einer guten Ernährung geht es nicht darum, dass der Futternapf beeindruckend aussieht.
Das Ziel ist nicht, dem Vogel so viele verschiedene Zutaten wie möglich anzubieten.
Das Ziel ist, dass er sich tatsächlich abwechslungsreich und ausgewogen ernährt.
Das bedeutet, dass wir aufhören müssen, nur zu fragen:
„Was ist in diesem Futter enthalten?“
Die wichtigeren Fragen lauten:
„Was frisst mein Vogel da eigentlich?“
„Wie viel Energie nimmt er dadurch auf?“
„Wie viel Bewegung bekommt er täglich?“
„Wie viel Zeit verbringt er damit, Nahrung zu suchen und zu verarbeiten?“
„Und erhält er genügend Möglichkeiten, sein natürliches Verhalten auszuleben?“
Erst wenn man diese Fragen gemeinsam betrachtet, erhält man ein realistisches Bild von der Qualität eines Papageienfutters.
Vom Futtertrog zur Fütterungsstrategie
Ein moderner Ansatz bei der Ernährung von Papageien geht daher über die bloßen Zutaten hinaus.
Es geht um eine Kombination aus Nährwert, Abwechslung, Energiebedarf, Fressverhalten, Bewegung und Futtersuchmöglichkeiten.
Der Fressnapf ist nur ein Teil des Ganzen.
Denn ein Papagei braucht nicht nur Futter.
Er braucht auch einen Grund, um danach zu suchen.
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